Radteam Tharandter Wald

Stoneman Road 2018

 

 

1 Vorm ersten Berg

Das alles für einen Goldenen Stein…

 

Selten sind die ersten Pedalumdrehungen von einem so flauen Gefühl im Magen begleitet wie jetzt, kurz nach sechs Uhr morgens auf der kleinen Landstraße im Osterzgebirge.

Wir rollen von Bärenfels in Richtung Zinnwald, es ist Mitte August, die Morgensonne macht es schon angenehm warm und das „Panama“ (Kenner wissen was gemeint ist) über die Berg- und Gipfellandschaft ist wie immer atemberaubend.

Vorbei an hübschen Ferienhäusern surren wir still voran. Hinter den Fenstern schlafen die meisten noch. Wann genau wir das nächste Mal schlafen wissen wir nicht – aber wir alle hoffen, dass wir, wenn wir ins Bett fallen, 293 Kilometer in den Beinen haben. Oder anders gesagt: Wenn wir wie Steine ins Bett fallen, dann doch bitte als „Goldene Steine“, als STONEMEN – denn das ist die Herausforderung heute: Die Kolleginnen und Kollegen aus der MTB-Fraktion haben die Miriquidi-Idee von den Trails auf die Straße übertragen, und seit 2018 kann man sich die Stoneman-Tour auch in der Variante „Stoneman Road“ antun – in Bronze, Silber oder Gold, aber (fast) alles auf Asphalt. Organisatorisch ganz easy: Anmeldung Online, alle Infos inklusive GPS-Datei und Übernachtungstipps gibt’s vorab. Die Strecke ist vorgegeben, 13 Löcher müssen in die Starter-Karte gestempelt werden – klingt einfach. Nur…die paar Löcher wollen hart verdient sein: Zwei Länder, 13 Etappen, 293 Kilometer und knapp 5.000 Höhenmeter.

 

In Bärenfels zu starten hat (neben der kurzen Anreise von Dresden aus) mehrere Vorteile: Neben einer wirklich herzlichen und empfehlenswerten Unterkunft (Naturhotel Bärenfels, nochmal danke an die Betreiberfamilie Kempe an dieser Stelle!) muss auf den ersten Etappen noch nicht zu viel geklettert werden – man wird wach und warm. Vor allem aber hat man von hier aus am „Höhepunkt“ der Tour auf dem Keilberg bzw. Fichtelberg mehr als die Hälfte geschafft – was unglaublich wichtig ist für den Kopf, aber dazu später mehr.

Zurück auf die Strecke: Von Bärenfels über Zinnwald geht es auf der tschechischen Seite über sehr schöne Waldstraßen (keine bzw. kaum Autos, alles asphaltiert) entlang dem Erzgebirgskamm. Immer mal wieder kleinere Rampen, wir sammeln die ersten Höhenmeter ein – und dann rauschen wir erst einmal den jähen Südabhang runter nach Osek. Die Strecke ist ein echter Bremsentest. Der Preis für die High-Speed-Abfahrt: all die schönen Höhenmeter müssen wir irgendwann auch wieder rauf...

 

2 Aufm KammZunächst rollen wir aber über Zámek Valdšteijnu (da steckt ja noch die deutsche Namenswurzel drin) und Nová Ves v Horách durchs Böhmische nach Chomutov. Da ist es schon fast Mittag. Erster Verpflegungsstopp. Wir haben leider die Stempelstation am Zoo übersehen, dafür bietet der örtliche Riesensupermarkt alles für die gepflegte Kalorienaufnahme. Zwischen all den satten Wochenendeinkäufern fühlen wir uns mit unserer sportlichen Mission schon ziemlich taff.

Ab Chomutov geht es nach einem autobahnähnlichen Stück immer an der Tagebau-Kante entlang. Wir haben nur mäßigen Gegenwind, und auf dem super ausgebauten Radweg rollt es und wir können schön im Windschatten (Danke JensJ) Meilen sammeln. Landschaftlich schön geht anders, aber die Tagebaulandschaft ist zumindest beeindruckend. Je näher wir der Eger (tschechisch Ohre) und dem Keilberg kommen, desto reizvoller wird die Stecke.

 

3 SchwartenbergAm Kraftwerk vorbei geht es über Klášterec n.O. (schöne Kirche oben aufm Hügel) an der Eger entlang. Highlight eine Gitterrostbrücke mit Durchblick in die Tiefe, nichts was die Rennradreifen jeden Tag sehen! Dann schmiegt sich die Strecke schön durch die hügelige Landschaft mit Obstwiesen und immer wieder kleinen Waldabschnitten, die Schatten spenden – sehr wohltuend in der Augustsonne... bis plötzlich: die Rampe vor uns liegt. Der Anstieg zum Keilberg!

Der Erzgebirgssüdhang ist steil und schroff, also Klettern - und zwar mit bereits 120-130km in den Beinen. Ich bin überrascht, wie gut es läuft. Zwar sind wir recht weit auseinander, als jeder sein Tempo gefunden hat, aber „so schlimm war’s dann gar nicht“.

Für die Beine, vor allem aber für den Kopf hat mir geholfen, dass ich mit Rucksack und Trinkblase losgefahren bin und außer zwei Flaschen mit Energieplempe immer noch zwei Liter Wasser dabei habe. Die Angst, „trockenzulaufen“ ist damit weg. Entsprechend „entspannt“ deshalb die Ankunft auf dem ersten Plateau, von dem aus es dann aber noch recht lang und zäh nach oben geht zum Keilberg. Der vielleicht schönste Blick ist dann der hinunter ins Tal auf Oberwiesenthal und den Fichtelberg gegenüber. Der Endanstieg auf den Keilberg will’s dann aber nochmal wissen, und jetzt merken wir auch, dass wir an die Reserven müssen. Also Zwischenstopp, Bauernfrühstück und Cola am Fichtelberg. Die Pause wird ziemlich lang, vielleicht sind wir etwas leichtsinnig – es ist ja „schon mehr als die Hälfte geschafft!“ Am frühen Nachmittag klettern dann vier Radler mit einem schweren Bauernfrühstück im Bauch erst mal den Fichtelberg hoch. Oben der erste Blick auf die Tageskilometer: 163! Ab jetzt nur noch Rückweg, und nur noch 130 Kilometer! Die Fichkona-Initialabfahrt runter durch „OWiTha“ und auf der tschechischen Seite flott und schattig Richtung Bärenstein rollt es prima, aber dann: die Rampe zum Bärenstein hoch wird mit jeder Kurve länger und mit jeder Kehre steiler. Heftiger Härtetest, und das Bauernfrühstück ist schon wieder fast verbrannt…

Die nächste Etappe zur Drei-Brüder-Höhe bei Marienberg ist die letzte wirkliche „Tages“-Etappe. Langsam geht die Sonne unter, und wir merken die 200 Kilometer in den Beinen. Regelmäßig Steigungen, aber wir kommen über alle Berge gut weg – die gute Saisonvorbereitung zahlt sich aus! In Marienberg schnell noch Proviant „für die letzten paar Kilometer“ gekauft, und weiter geht es. Zwischenstopp und Stempel an der Saigerhütte in Olbernhau, und ein entscheidender Moment: Montage der Front- und Heckleuchten! Mitleidige und befremdete Blicke von der Terrasse, wo sich die bereits satten Abendgäste der Saigerhütte wahrscheinlich über uns vier Radler wundern… Interessant, wie sich die Wahrnehmung verschiebt: Was jetzt noch als „Rest“ vor uns liegt, ist an „normalen“ Tagen immerhin eine mittellange Trainingsausfahrt. STVO-konform beleuchtet fahren wir Richtung Seiffen – immer noch bin ich überrascht und erleichtert, wie rund und weich die Beine mitmachen. Die Abendstimmung in Seiffen – Olaf und Matthias atmen noch die letzten „Nachwehen“ vom EBM ein… - ist grandios, und wie steil der Anstieg durch den langen Ort ist, fällt fast nicht auf. Vor der Tür von Seiffen: der „Monte Schwarte“ – im Frühjahr per MTB mühsamst erklommen, ist die Rampe mit dem Rennrad halb so wild, und oben machen wir das erste Foto mit Nacht-Stimmung. Inzwischen bei völliger Dunkelheit rollen wir im Quartett Richtung Holzhau, wieder wechseln sich flache Abschnitte mit kurzen und längeren Hügeln ab. Immer wieder geht es durch den Wald, und wir sind ziemlich allein auf der Straße (mit geschäftig die Straße kreuzenden Rehen…).

 

4 GeschafftSpätestens jetzt steuert der Kopf: wir fahren von Stempelpunkt zu Stempelpunkt, teilen den Rest der Strecke in 20-Kilometer-Abschnitte. Auch hier bestätigt sich die gute Wahl des Startpunktes Bärenfels: die letzten Etappen sind kurz und „machbar“. Inzwischen sind wir sehr leise geworden, und fahren nur noch – langsam leeren sich die Energiespeicher. Holzhau. Stempel. Letzte Etappe! Nach mehr als 14 Stunden reiner Fahrzeit kurz vor elf erklimmen wir in Bärenfels die letzte Steigung und haben es geschafft. Hammer!

 

Eine Wahnsinns Herausforderung, ein Wahnsinns Erlebnis, und eine Wahnsinns Leistung. Wahrscheinlich nicht nur ich platze vor Stolz, und die immer noch hellwache Herbergsleitung drückt uns unsere Trophäen in die Hand. Was für ein Moment!

 

 

 

Fazit: Der 290km-Stoneman Road ist ein ziemlicher Riemen – aber machbar. Früh und behutsam in die Saison starten, kontinuierlich fahren und ein bisschen Glück mit dem Wetter reichen, und ihr macht die Erfahrung Eures (Radler)Lebens. Übigens: Der Stoneman Road hat einen „kleineren“ Bruder, den Bikeman Road. Ein paar Höhen- und Kilometer weniger, aber sicher auch ein würdiges Saisonziel. Wir haben schon eine Idee für 2019 – in diesem Sinne: Kette rechts!

 

 

 

 

Die Trophaee

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