Radteam Tharandter Wald

Zwischen Himmel und Erde - Ötztaler Radmarathon 2017 (FK)

 

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Endlich hat es geklappt, einen Startplatz bei ÖRM zu bekommen. Ich hatte mich bisher dreimal angemeldet, beim vierten Mal ist der Startplatz automatisch gebucht - das war bei mir der Fall.

Schon im Frühjahr zum Spreewaldmarathon hat mir Dirk vom TuS Dipps erzählt, dass er und seine Jungs (Jens und Hansi) auch mit dabei wären. Sie hatten schon in weiser Voraussicht in Sölden, dem Startort der Tour, ein Apartment gebucht. Für mich wäre auch noch Platz .

Der Termin rückt immer näher. Unruhe und Zweifel machen sich in mir breit. Kann ich die 236 km und 5500 „HMs“ schaffen? Wenn es nun Regen oder gar Schnee gibt? Habe ich genug gemacht? 

Ich beschließe, um meine Rennhärte zu stärken, den Stoneman in Gold im Erzgebirge zu fahren. Ganz alleine 167km, 4400 Höhenmeter, mit den MTB. Gott sei Dank schaffe ich die Runde unter großen Anstrengungen. Ein Meilenstein in meiner Vorbereitung.
Ende Juli ging es dann in die Slowenischen Alpen, mit dem MTB Höhenmeter sammeln. Ab August wurde dann das Training intensiver. Mit Peter und Jens absolviere ich die Longtour nach Prag und zurück, 300 km 3600HM. Mitte August schließlich der letzte große Test: der Krusnoton - 180 km und 3600 HM. Im verhaltenen Renntempo, um Substanz aufzubauen.

Die Aufregung steigt. Wie wird das Wetter am Tag des ÖRM? Die Vorhersagen ändern sich täglich. Aber letztendlich kann sich ein Hoch durchsetzen. Trocken und auf der Alpensüdseite bis 29 Grad, möglicherweise am Abend Gewitter. Ein Stein fällt mir vom Herzen.

Peter aus unserem Radteam Tharandter Wald ist auch noch dazugestoßen. Auch er hat noch einen Startplatz erwischt, schläft aber leider in einem anderen Quartier. Bei 4300 Radlern, die gleichzeitig starten, ist es dann schwer sich zu finden. Deshalb werden wir uns erst am Abend nach dem Rennen wiedersehen.

Nach einer unruhigen Nacht stehen wir um 5.30 Uhr auf. Die von uns am Vorabend gekochten Nudeln stecken wir in die Mikrowelle und verspeisen sie zum Frühstück. Kohlehydratspeicher füllen.
Alles ist vorbereitet: Die Flaschen schon am Rad, Riegel und Gels in den Trikottaschen verstaut.
Wir rollen zum Start, sind allerdings sehr spät dort. Wir befinden uns bei ca. 4300 Fahrern im letzten Drittel. Der Startschuss fällt um 6.45 Uhr. Bis sich die Meute in Bewegung gesetzt hat, sind 10 min vergangen. Ich passiere die Zeitnahme um 6.55 Uhr.
Die ersten 30 km geht es nur bergab. Dann ein schwerer Sturz vor uns. Das Feld wird angehalten, weil der Fahrer ärztlich versorgt werden muss. Wieder 10 Minuten eingebüßt. Dummerweise hat sich nun auch noch die Batterie meines Pulsmessers verabschiedet. Jetzt muss ich die Runde ohne Pulsmesswerte fahren. Na, prima.

Wir erreichen Ötz. Ich schaue mich um - von meinen Leuten keiner mehr zu sehen. Weil es jetzt ins Kühtai (15km) auf 2060m geht, ziehe ich meine Windjacke aus. Die Steigungen sind gewaltig, bis 18%. Ich bin froh, dass ich mir von meinem Bruder Jürgen die 32er-Kassette habe montieren lassen. Ich bin zwar nicht ganz so schnell wie die anderen, spare aber Kraft und fahre einen ordentlichen Rhythmus.
Ich erreiche Kühtai und rolle über die Zeitnahme-Matte. Ich höre kein Hupen, wie bei den anderen, und denke: „Sch…, du bist in Ötz beim Ausziehen der Jacke den Kreisverkehr verkehrt angefahren und dadurch nicht über die Matte gekommen..! Wenn ich jetzt eine DNF bekomme? Soll der ganze Aufwand umsonst gewesen sein...?“
Egal - weiter. Es geht in Richtung Innsbruck, 30 km Abfahrt - freier Fall! Dort fahre ich den Topspeed von 94,4 km/h.
Jetzt erreichen wir die alte Brennerstraße. Auf 40km 700Höhenmeter. Hier sollte es wichtig sein, in einer Gruppe zu fahren. Ich sehe in weiter Ferne eine große Gruppe und fahre ran. Irgendwie will da keiner Führungsarbeit machen. So schaffen wir das Zeitlimit am Brenner nie! Ich setze mich mit einigen anderen Fahrern von der Gruppe ab. Das passt mir auch wieder nicht. Die Jungs haben eine unruhige Fahrweise, also lasse ich wieder abreißen und warte. Ab Schönberg, wo das Gelände etwas flacher wird, bildet sich dann unser kleines Grüppchen. Das passt.
Am Brenner(1377m) angekommen liege ich eine halbe Stunde vor dem Zeitlimit. Schnell die Flaschen gefüllt, drei Bananen verschlungen und weiter.
Ich bin jetzt wieder ohne Gruppe. Der Wind bläst stramm vom Süden den Brenner hoch. Ich kämpfe um voran zu kommen.
Sterzing ist nun durchfahren. In ein paar Kilometern wird es gleich zum Jaufenpass (2090m) gehen. Hier beginnt der Ötztaler erst! Ab der Mitte des Anstieges sind die Hälfte der Höhenmeter absolviert. Es läuft bei mir bis dato super. Aber im Kopf kreist immer wieder der Gedanke: „Wenn ich doch disqualifiziert werde...?“ Nach 1,5 h habe ich den Jaufenpass bewältigt und liege nach wie vor im Zeitlimit.
https://www.sportograf.comBei der Verpflegungsstelle kommt das Fahrzeug der Rennkommissäre an mir vorbeigefahren. Ich halte es an und erkläre, was mir in Ötz passiert ist. Meine Startnummer wird notiert und ich kann weiterfahren. Erleichterung!!!!
Vom Jaufenpass geht es 1300 HM bergab. Auf einmal bekomme ich einen Krampf. So etwas hatte ich noch nie! Unten angekommen ist es geradezu heiß: knappe 30 Grad! Ich ziehe wieder alles aus. Nehme ordentlich Magnesium gegen den Krampf.
Jetzt wartet das Timmelsjoch auf mich: 2509m hoch, knappe 1800HM. Man durchfährt hier drei Klimazonen. Was sich auf den Körper, durch die Temperaturunterschiede, doppelt negativ auswirkt.
Ich hatte schon im Vorfeld geplant, bis zum Verpflegungspunkt auf 1800 m ohne anzuhalten durchzufahren.
Die ersten Kehren sind brutal. Immer wieder12-14%. Einige Renner hängen erschöpft über den Leitplanken. Mir geht es nach wie vor gut. Die ersten 1000HM bis zur Labe gehen super. Ich liege 1,5 h vor dem Zeitlimit. Ich kann nun in aller Ruhe den Rest des Berges angehen.
Über dem Berg wird es dunkel. Noch habe ich 8 Kilometer vor mir. Ein leichtes Donnern ist zu vernehmen. Es fängt leicht an zu nieseln und es wird richtig kalt. Der Regen wird stärker. Die Frage: Jacke anziehen? Ich beschließe, nur die Windweste und die Ärmlinge überzustreifen.
Dann kommt endlich der erlösende Tunnel. Wenn man dort durchfährt, sollte es geschafft sein. Schnell die Jacke drüber und ab. Über die Straße laufen Sturzbäche. Volle Konzentration. Ja nicht jetzt noch stürzen.
Die Jungs mit ihren Carbonfelgen fahren Schritttempo. Einige kann ich dadurch noch überholen.
Eigentlich ist es vollkommen egal. Mir ging es am Ende nur ums Durchkommen. Und das ist mir für meine Verhältnisse bestens gelungen: Ich bin überglücklich und erreiche Sölden mit einer Zeit von 12 Stunden und 4 Minuten.
Die Jungs aus meinen Zimmer sind schon lange da. Die haben die Strecke in etwas über 10 Stunden beendet. Am Abend geht es dann zur großen Pastaparty. Dort treffen wir dann Peter und Rosi.

Ich kann nur jeden Langstreckenfahrer ermutigen, solch ein Rennen selber einmal zu fahren. Mit einer guten Vorbereitung und dem Glück, solch ein Wetter zu haben, ist das für jeden machbar.

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